7.Dezember 2002

für StephanPsy

Petershäger Weihnachtsgeschichte, oder wie der Weihnachtsbaum auf uns kam.

Als der Osterhase einst nach Hocculvi kam, dem späteren Hockeleve und noch späteren Petershagen, was nun auch schon wieder 1200 Jahre her ist - wird langsam mal wieder Zeit für einen Namenswechsel - ja, da war grad Weihnachten. Das heißt, es war grad nicht Weihnachten, denn das gabs damals in der heutigen Form noch nicht, man feierte die Geburt des Herrn ähnlich wie er, jeder in seiner dürftigen Hütte, allerdings ohne die drei Könige...

Meister Lampe hatte sich fürchterlich verspätet, denn die letzte Eiszeit hatte sich noch nicht völlig von den Wegen und Straßen zurückgezogen, und in einem Anfall von Kraftmeierei hatte der vergangene Winter just zur Osterzeit seine Muskeln so kräftig spielen lassen, dass der Sommerschnee noch heute in den Kühlschränken der besonders sparsamen Petershäger zu finden ist. Man weiß ja nie, wozu es gut ist - richtig, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber davon ab, es war arschkalt und man hoffte - wie sich heute zeigt mit Recht, durch Entnahme und Zwischenlagerung des Schnees die Kälte etwas zu mildern. Tatsächlich berichtet man auch, dass es später nie mehr so kalt geworden wäre!

Jedenfalls kam Meister Lampe mit seinem Sack voller Eier ziemlich unfröhlich des Weges gehoppelt. Damals waren die Zeiten lange nicht so konsumorientiert, kein Mensch bekam je so dicke Eier wie heutzutage, wo ein Durchschnittshase höchstens zwei davon im Sack tragen kann.

Eiermeister Lampe schleppte die Ostereier des ganzen Kreises Minden-Lübbecke, dem Bereich der Postleidzahl 324-- mit sich herum! Zu jener Zeit war noch echte Dienstleistung angesagt, man bekam sein Osterei frei Hütte. Jedenfalls gab es im Kreis damals 22443 registrierte Eierempfangsberechtigte. Für jeden eins. Die Eier waren solche winzigen Zuckerkrusteneier, nach heutigem Geschmack geradezu kitschig in allen denk- und einigen undenkbaren Farben gefärbt, mit einer Flüssigzuckerlösung gefüllt, überraschungseiermäßig. Man sieht, gute Ideen überleben die Zeiten.

Nachdem der gute Hase seine Eier nun schon seit Ostern mit sich herumgetragen hatte, hatte sich die innere Zuckerfüllung in ein köstliches Gemisch von Alkohol, Wasser, Zucker und einem nicht unwesentlichen Anteil an CO2 verwandelt, die spätere Erfindung der alkoholischen Eierfüllung vorwegnehmend. Ohne dass er es wußte, trug er da auf seinem Rücken eine höchstmoderne, weil wesentlich umweltfreundlichere Variante des späteren Molotov-Cocktails mit sich herum.

Als nun unser Ostermeister sich eine Verschnaufpause gönnte, es sollte seine letzte sein, und sich - der aufmerksame Leser ahnt es schon - ein lustiges Pfeifchen zündete, nahmen das Schicksal und die Gesetze der Chemie ihren Lauf und dem Hasen die Last von seinen Schultern. Ein Funke fand den Weg in seine Eierkiepe, entzündete die alkoholischen Dämpfe eines undichten Eies oder Eis. Der restliche Ablauf ging dann relativ schnell vonstatten. Durch die ungewohnte Wärmeeinwirkung fühlte sich das CO2 stark unter Druck gesetzt, es sprengte wie ein ungeduldiges Küken die Zuckerhülle und suchte sehr schnell das Weite, wovon in dieser Gegend eine Menge vorhanden war. Als sich dieses Verhalten unter den 22442 anderen Eiern herumsprach und umgehend nachgeahmt wurde, gab es schließlich ein derartiges Getöse, dass alle Bürger unseres Städtchens, die damaligen Hocculvianer und Hocculvianerinnen, letztere aber als erste, auf die verschneiten Wege stürzten und umgehend begannen, ihren Augen nicht zu trauen.

Da stand am Rande ihrer Stadt die schönste Edeltanne weit und breit, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnistanne, und war über und über mit buntem Zucker-Glitzer versehen. Auf jedem Zweiglein brannte ein lustig Flämmlein und in der Kirche hörte man die Glocken läuten, ein letztes Werk des CO2. Die Leute rissen die Mäuler weit auf vor Erstaunen und blickten in den Himmel, durch dessen Wirken sie dieses Wunder auf sich gekommen wähnten. Und es regnete tatsächlich Manna aus himmlischen Höhen in ihre aufgesperrten Mäuler, so süß und von so berauschender Wirkung, dass alle spontan zu einem Dankgottesdienst in ihre Kirche aufbrachen. Nachdem nix mehr kam.

Dem damaligen Gottesdiener hatte die himmlische Fügung das größte der Wunder beschert: ihm war tatsächlich ein knusprig gebratener Hase auf den schon gedeckten Tisch gefallen! Die Pastorin räumte schleunigst die mageren Mehlfladen in die Vorratskammer zurück zum Sommerschnee. Die Gäste kamen ja erst morgen!

Seit jener Zeit feiert man das Weihnachtsfest mit bunt geschmücktem Weihnachtbaum, riesig in unserer Stadt aufgestellt. Und der Pastor hat die Tür seines Hauses weit geöffnet, man weiß ja nie... Die Leute bewundern den riesigen Baum, stehen freudig davor, blicken mit weit aufgerissenen Mäulern nach oben... Herr, lass Manna regnen!

Und der Pastor lässt die Glocken läuten, und die Menschen strömen in die Kirche. Irgendwie spüren sie, auch ohne solche handfesten Wunder, den Wunsch, sich für die gute Zeit in ihrem Leben irgendwo zu bedanken.

Mausheister Hausmeister (oder war es umgekehrt?) Herbert
vom, im und aus dem Dr.BooZu
 



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